Hintergrund
Warum es diese App gibt
30 °C sind nicht 30 °C. Trockene Luft im Halbschatten ist eine andere Belastung als dieselbe Anzeige bei hoher Feuchte, praller Sonne und aufgeheiztem Platz. Für den Breitensport bleiben die Vorgaben trotzdem meist unscharf – „bei Hitze Pausen einlegen“, ohne gemeinsame Messgröße und ohne Schwelle, auf die sich beide Mannschaften und die Spielleitung berufen können.
Der Hintergrund dieser App ist eine Masterarbeit zur Klimaanpassung in Amateurfußballvereinen in Baden-Württemberg, die Arbeit als Referent in der Vereinsmanagerausbildung des Südbadischen Fußballverbands (SBFV) und viele eigene Jahre auf dem Platz. In dieser Ausbildung sitzen genau die Menschen, die bei Hitze entscheiden müssen: Vereinsverantwortliche und Trainerteams, meist ohne medizinische Abteilung an der Seitenlinie.
SportHitzeCheck macht den WBGT für diese Situation nutzbar: kostenfrei, ohne Anmeldung, mit Platzbedingungen und bewusst früheren Warnstufen als sie für akklimatisierte Profis gelten. Die Entscheidung bleibt vor Ort.
Was der WBGT misst
WBGT steht für Wet Bulb Globe Temperature (Feuchtkugel-Globe-Temperatur) und ist der international etablierte Hitze-Index für Arbeit und Sport im Freien (Grundlage: ISO 7243). Er beschreibt nicht die Luft, sondern wie schwer es dem Körper fällt, seine Wärme loszuwerden. Die Außen-Formel gewichtet drei Größen sehr ungleich:
- Natürliche Feuchtkugeltemperatur (Tnw), 70 % – wie gut Schweiß verdunsten kann. Der Körper kühlt fast ausschließlich über Verdunstung; ist die Luft schon feucht, fällt dieser Weg weg. Deshalb wiegt dieser Anteil am schwersten. „Natürlich“ heißt: der feuchte Docht steht unbeschirmt in Sonne und Wind – nicht im Schatten wie beim Feuchtkugelwert einer Wetterstation.
- Schwarzkugeltemperatur (Tg), 20 % – Strahlungshitze von Sonne, Himmel und Untergrund, abgemildert durch Wind.
- Lufttemperatur (Ta), 10 % – die Zahl aus der Wetter-App, hier nur ein Zehntel des Ergebnisses.
Aus dieser Gewichtung folgt das Verhalten, das zunächst irritiert: Der WBGT liegt in Mitteleuropa meist deutlich unter der Lufttemperatur und ist trotzdem die aussagekräftigere Zahl. Ein schwüler, windstiller Nachmittag bei 28 °C kann kritischer sein als ein trockener, luftiger Tag bei 32 °C. FIFA, ACSM, NATA, UCI und ITF stützen ihre Hitzeregeln deshalb auf den WBGT, nicht auf die Lufttemperatur.
Wichtig zur Einordnung: Ein echter WBGT wird mit drei Sensoren am Platz gemessen. Diese App berechnet die drei Anteile aus Wetterdaten (Temperatur, Feuchte, Wind, Direkt- und Diffusstrahlung). Das ist gut genug, um eine Einheit zu planen oder zu verschieben – es ist keine Messung an der Seitenlinie.
Zwei Details entscheiden dabei über die Größenordnung, und beide werden in vielen einfachen WBGT-Rechnern übersehen. Erstens: Aus Temperatur und Feuchte ergibt sich zunächst nur die psychrometrische Feuchtkugel – der Wert im Schatten. Für den WBGT braucht es den unbeschirmten Docht, der zusätzlich von der Sonne aufgeheizt wird. Diese App rechnet den Aufschlag nach dem Verfahren, das der US-Wetterdienst in seiner WBGT-Vorhersage nutzt – in der überarbeiteten Fassung, weil die ältere Formel von Hunter & Minyard (1999) gegenüber Messungen zu niedrig lag. Zweitens: Wetterdaten liefern Wind auf 10 Meter Höhe, gekühlt wird der Körper aber auf zwei Metern. Wer den 10-Meter-Wind direkt einsetzt, rechnet zu viel Kühlung ein. Beides zusammen würde den WBGT bei Sonne um etwa 2–3 °C zu niedrig ausweisen – also genau in die gefährliche Richtung.
Wie belastbar sind die Zahlen?
Nicht alles in dieser App ist gleich gut belegt, und das soll sichtbar bleiben. Auf der Ergebnisseite steht hinter jedem Wert die Quelle samt Konfidenz, im Abschnitt „Medizinische Grundlagen & Quellen“. Die Kurzfassung:
Gut belegt: veröffentlichte Verbandsschwellen
Diese Werte sind unverändert übernommen, inklusive ihrer Herkunft aus dem Profibetrieb:
- Fußball: FIFA – vier Risikostufen (niedrig unter 24 °C, moderat 24–29 °C, hoch 30–32 °C, extrem über 32 °C). Verpflichtende Cooling Breaks hängen erst an der obersten Stufe. Die Richtlinie ist rund zwanzig Jahre alt und gilt in der Sportmedizin als weniger schützend als die Vorgaben anderer Verbände; FIFPRO fordert Cooling Breaks ab 26 und Verlegung ab 28 °C. Beide Sichtweisen stehen auf der Ergebnisseite.
- Tennis: ITF – zusätzliche Pause ab 30,1 °C, Unterbrechungs-Richtwert 32,2 °C.
- Radsport: UCI – fünfstufige Skala, Hochrisiko ab 28 °C. Der strengste Katalog überhaupt, allerdings mit Fahrtwind kalkuliert.
- Grundlage der Ampel: ACSM Position Stand zu Hitzeerkrankungen (2007) – acht Stufen für gesunde Erwachsene: ab 18,4 °C steigt das Risiko für Vorbelastete, ab 22,3 °C für alle, ab 27,9 °C empfiehlt der Standard, Ausdauerwettkämpfe abzusagen. Referenz für alle Sportarten ohne eigenen Verbandswert.
- Leichtathletik: World Athletics veröffentlicht fünf Stufen – unter 21 °C nahezu sicher, 21–25 °C Vorsicht, 25–28 °C Warnung, 28–30 °C starke Warnung, über 30 °C gefährlich. Für Straßenläufe gilt ein abweichendes Flaggensystem; unsere Werte beziehen sich auf Stadionwettbewerbe.
Mittlere Konfidenz: Studien, die übertragen werden müssen
- Kunstrasen: Hier ist die Studienlage widersprüchlich, und das steht so in der App. Grundstein & Cooper (2020) finden keinen signifikanten WBGT-Unterschied zu Naturrasen: die höhere Strahlung wird durch trockenere Luft gegengerechnet. Wardenaar et al. (2022) messen dagegen +2,2 °C. Eine Übersichtsarbeit von 2024 stützt mehrheitlich „kein Unterschied“, merkt aber an, dass nur zwei Studien Feuchtkugel und Schwarzkugel korrekt gemessen haben. Konsequenz: kein Zahlenzuschlag, weil die Richtung nicht gesichert ist – aber ein ausdrücklicher Warnhinweis, denn 50–75 °C Oberflächentemperatur (Gummi-Infill am heißesten) und Kontaktverbrennungen sind unbestritten. Infill ändert vor allem die Oberfläche und die Strahlung auf Knöchelhöhe, kaum den WBGT in Brusthöhe: trockene Hitze auf Kunstrasen und Schwüle auf Naturrasen können denselben Index liefern. Kork kann Wasser halten und dann per Verdunstung kühlen; bei Gummi-Granulat fließt Wasser ab. Die Ampel unterscheidet die Infills in der Zahl deshalb nicht.
- Hardcourt, Tartan, Tiefsand: Pryor et al. (2017) messen vor Ort 1,0–1,7 °C höhere WBGT-Werte als aus Wetterstationsdaten berechnet – in 45 % der Fälle führte das zu einer zu günstigen Einstufung. Wichtig: Zwischen den Belägen selbst fand die Studie keine signifikanten Unterschiede. Belegt ist also „Platz wärmer als Wetterstation“, nicht „Belag X wärmer als Belag Y“. Die Zuschläge der App sind deshalb ein vorsichtiger Vor-Ort-Aufschlag, keine validierte Rangfolge – und stehen nur bei den Belagstypen, die Pryor tatsächlich gemessen hat. Eine Messreihe auf Tennisplätzen in Japan (Sci Rep 2024) bestätigt die Größenordnung für Hardcourt (etwa +1 °C) und fand auf einem Platz aus Granitboden – vergleichbar mit Asche – nur bei extremer Hitze mittags einen kleinen Aufschlag. Asche und Ziegelmehl bekommen deshalb einen Warnhinweis statt einer Zahl.
- Waldschatten: John et al. (2024) messen im Wald 3–4 °C niedrigere Lufttemperatur. Als WBGT-Abzug ist das nicht übertragbar, weil Schatten vor allem über die Schwarzkugel wirkt – und die wiegt nur 20 %. Deshalb läuft Schatten über das Beschattungsfeld und nicht als Untergrundbonus.
- 65 Jahre und älter (extra −1 °C): die Richtung ist besser belegt als bei Kindern. Ab etwa 60 Jahren sinken Schweißrate und Hautdurchblutung, die kritischen Umweltgrenzen liegen niedriger (Kenney; Meade et al. 2023). CDC stuft Menschen ab 65 Jahren als Risikogruppe ein. Fitnesstragende, akklimatisierte Masters-Athleten können trotzdem ähnlich gut regulieren – das Alter allein erklärt nicht alles. Im Labor lag die Grenze, ab der der Körper Wärme nicht mehr abgeben kann, bei Älteren um rund 2–3 °C WBGT tiefer (Wolf et al. 2023, leichte Aktivität, ohne Sonne). Kein Verband nennt einen °C-Abzug; die −1 °C sind bewusst vorsichtig gesetzt und gelten bei allen Sportarten, auch auf der ACSM-Skala.
- Leistungsstufe (−2 °C Breitensport, 0 °C Professionell / Akklimatisiert): FIFA, ITF, UCI und World Athletics formulieren ihre Schwellen für den Profibetrieb. Der ACSM Position Stand (Armstrong et al. 2007, Tabelle 2) setzt dieselben Maßnahmen für nicht akklimatisierte, weniger fitte Personen rund 2 °C früher an – Abbruch bei 30,1 statt 32,3 °C. Daraus kommt der Abzug, kein Verbandswert. Nur bei 16–64 Jahren wählbar; unter 16 und 65+ bleibt das Feld auf Breitensport.
Bewusste Näherung: hier ist die Konfidenz niedrig
- Intensität (±1,5 °C): abgeleitet aus dem arbeitsmedizinischen ACGIH-Modell, das Grenzwerte nach Belastung und Pausenanteil staffelt. Entwickelt für Industriearbeit, nicht für Sport validiert – eine Analogie, keine Übernahme.
- Unter 16 Jahren (extra −1 °C): Vorsicht, keine Physiologie. Die American Academy of Pediatrics (2011, bestätigt 2019) und Notley et al. (BJSM 2025) zeigen vergleichbare Kerntemperaturen bei Kindern und Erwachsenen, sofern Flüssigkeit verfügbar ist. Der ACSM führt Kinder trotzdem als Risikogruppe – Aufsicht und Belastungsteuerung im Verein. Der Abzug bleibt deshalb klein und gilt nur bei Verbandsschwellen; die ACSM-Skala bei Joggen, Beachvolleyball und Hockey ist bereits für Freizeitsportler:innen gedacht.
- Bewässerung (−0,5 °C): der schwächste Wert im ganzen Modell. Dass Bewässerung die Oberfläche kühlt, ist belegt – sie hält aber kaum an: oft schon nach 20–45 Minuten ein deutlicher Rebound, nach 45–75 Minuten wieder über 50 °C. Für den WBGT einer Sportfläche existiert keine Studie. Flächige Feldbewässerung senkt ihn tagsüber um 0,3–1,3 °C, hebt ihn nachts aber um bis zu 1,3 °C an, weil die zusätzliche Feuchte die Feuchtkugel steigen lässt. Deshalb rechnet die App höchstens 0,5 °C an, nur in der ersten Stunde, nur bei Sonne und nur unter 70 % Luftfeuchte. Bei schwüler Luft greift der Abzug gar nicht.
- Beachvolleyball: Die FIVB schreibt eine WBGT-Messung vor jedem Spiel vor, verknüpft damit aber bewusst keine Grenzwerte – begründet mit dem eigenen Monitoring: Bahr & Reeser (2012) fanden in 48 Welttour-Events genau einen hitzebedingten Rückzug, und der bei einem Spieler mit vorangegangener Magen-Darm-Erkrankung. Das waren hitzeakklimatisierte Profis, die ihr Tempo selbst steuern – kein Argument für gelockerte Werte im Breitensport. Die spätere 11-Jahres-Auswertung fand in 8.530 Spielen 20 hitzebedingte Auszeiten mit steigendem Risiko bei höherer Temperatur. Unser ACSM-Fallback bleibt daher konservativ.
- Feldhockey: Die FIH nutzt gar keinen WBGT, sondern Lufttemperatur und Luftfeuchte: Maßnahmen ab 35 °C an der Auswechselbank, wobei die Schwelle über 65 % Feuchte gesenkt werden kann, plus eine zweite Stufe ab 75 % Feuchte oder 42 °C auf dem Feld. Das ist eine andere Messgröße und mit unserer Ampel nicht direkt vergleichbar – wir zeigen deshalb den ACSM-Fallback.
- Joggen: kein Verbandswert vorhanden, daher die allgemeine ACSM-Skala.
- Asphalt: Wärmespeicherung und Rückstrahlung sind gut dokumentiert, eine belastbare sportbezogene WBGT-Zahl fehlt. Deshalb nur ein Hinweis und ausdrücklich kein erfundener Zuschlag.
Grenzen der Wetterdaten
Die Werte kommen von Open-Meteo und beschreiben ein Modellgitter, keinen Sensor am Spielfeldrand. Bis etwa drei Tage im Voraus ist die Prognose belastbar, danach zeigt die App bewusst nur einen Trend. Mikroklima – Kessellage, Beton ringsum, Tribüne als Windschatten, Baumreihe – steckt nicht in den Daten. Wer den Platz kennt, korrigiert über Beschattung und Untergrund nach.
Was daraus folgt
Die App liefert eine nachvollziehbare Zahl, ihre Herkunft und eine Handlungsempfehlung – damit Hitze planbar wird und nicht am heißesten Tag spontan verhandelt werden muss. Sie ersetzt keine Messung vor Ort, keine medizinische Einschätzung und keine Entscheidung von Spielleitung oder Trainerteam. Bei Symptomen wie Schwindel, Übelkeit oder Verwirrtheit gilt ohnehin nur eins: sofort abbrechen, kühlen, Hilfe holen.
